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Die geheimen Stasi-Objekte in Leipzig

 

Neben den offiziellen und der Bevölkerung bekannten Dienststellen der hiesigen Stasi existierten Konspirative Wohnungen (KW) und konspirative Objekte (KO). Damit werden Zimmer in Privatwohnungen, Dienstzimmer staatlicher und gesellschaftlicher Einrichtungen, aber auch ganze Einfamilienhäuser oder Garagen bezeichnet. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR nutzte diese als Trefforte mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM), aber auch als Beobachtungsposten, Arbeitsräume und Maskierungsstützpunkte. All diese Objekte wurden konspirativ und mithilfe einer Abdecklegende genutzt, um vor der DDR-Bevölkerung geheim zu bleiben. Die Inhaber einer konspirativen Wohnung wurden in der Regel als Inoffizielle Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration (IMK) zur Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet.

 

Das Projekt wurde gefördert durch:

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Projektbeschreibung

Schon unmittelbar mit nach der Besetzung der offiziellen Dienstobjekte der Staatssicherheit am 4. Dezember 1989 und der nachfolgenden Auflösung interessierte sich die Öffentlichkeit für die konspirativen Wohnungen (KW) und konspirativen Objekte (KO) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Beim damaligen Bürgerkomitee gingen immer wieder telefonische Hinweise auf suspekte Wohnungen ein, von denen die Nachbarn glaubten, es würde sich um solche geheimen Stasi-Quartiere handeln. Um diesen Hinweisen nachzugehen wurde eine Gruppe bestehend aus Bürgerkomitee Mitgliedern einem Staatsanwalt und einem Volkspolizisten gebildet, die alle genannten Adressen aufsuchten und kontrollierten. Dies wurde im Dezember 1989 und Frühjahr 1990 alles genau protokolliert und abgelegt. Später wurden Listen von den Stasi-Offizieren bzw. dem staatlichen Auflösungskomitee mit den Adressen der konspirativen Objekte abgeforderte und ebenfalls in die Kontrolle einbezogen. Alle derartigen Stasi-Objekte wurden am Ende über den Runden Tisch der Stadt Leipzig neu an interessierte Mieter vergeben. Das Interesse an diesem Thema war in der Öffentlichkeit so groß, dass die Tageszeitung „taz“ im Juni 1990 eine Liste der Adressen aller damals DDR-weit bekannten konspirativen Wohnungen und Objekte veröffentlichte. Auch in der ersten Ausstellung des Leipziger Bürgerkomitees „Stasi-Macht und Banalität“ wurde im Juni 1990 ein Stadtplan mit den damals bekannten ca. 350 Stasi-Objekten gezeigt.

 

Zur Vorbereitung einer künftigen Ergänzung und Erweiterung dieser Ausstellung sollte eine digitale Karte aller Objekte der Staatssicherheit entstehen, die diese zum Zeitpunkt der Auflösung Ende 1989 in der Stadt Leipzig unterhielt. Eine ähnliche Darstellung ist bereits für den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sowie für Erfurt verfügbar. Neben den vorhandenen Listen und Protokollen sollten ergänzend nun auch alle diesbezüglichen Unterlagen im Stasi-Unterlagen-Archiv recherchiert und in die Auswertung einbezogen werden. Da die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ nicht über zusätzliche finanzielle Ressourcen für ein solches Forschungsprojekt verfügt, wurde ein Förderantrag bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gestellt und schlussendlich auch bewilligt.

 

Die Bearbeitung des Projekts begann im Juni 2018. Erste Schritte waren Recherchen in verschiedenen bereits veröffentlichten Quellen, wie der schon genannten Ausgabe der „taz“ vom Juni 1990 oder anderen Listen. Als besonders relevant erwiesen sich die ebenfalls schon aufgeführten Protokolle des Bürgerkomitees aus dem Frühjahr 1990, die die Aufklärung aller Hinweise auf konspirative Wohnungen und Objekte im Frühjahr 1990 dokumentiert. Dieser Prozess ist heute in mehr als einem laufenden Meter Akten dokumentiert und zeigt im Besonderen das Bemühen des Bürgerkomitees, alle geheimen Orte der Staatssicherheit in Leipzig aufzuspüren und damit eine weitere heimliche Arbeit der SED-Geheimpolizei zu verhindern. Mithilfe dieser Quellen konnten 450 konspirativen Wohnungen und Objekte in eine Datenbank eingearbeitet werden.

 

Dann begann die Einsicht in die überlieferten Akten des MfS im Stasi-Unterlagen-Archiv. Die Staatssicherheit hatte zu jeder Konspirative Wohnung (KW) bzw. jedem Konspirativem Objekt (KO) eine IM-Akte mit Decknamen und Registriernummer angelegt. Diese Akten sind wie alle anderen IM-Akten auch über die allgemeine Personenkartei F 16 sowie die Vorgangskartei F 22 zugänglich. Zusätzlich gibt es die Decknamenkartei F 77, die sogenannte Operative Straßenkartei F 78 und die IM-Vorauswahlkartei. Für die konspirativen Objekte existiert zusätzlich die Kartei Objekte und Liegenschaften F 80. Die Mitarbeiter im Stasi-Unterlagen-Archiv haben in einem ersten Schritt die nach Anschriften sortierte Straßenkartei F 78 bezüglich aller Adressen im Stadtgebiet von Leipzig durchgesehen und alle Hinweise auf konspirative Wohnungen und Objekte herausgesucht. Auf dieser Basis wurden dann über weitere Zwischenkarteien die jeweiligen Akten herausgesucht und dem Projektbearbeiter vorgelegt. In den Fällen, in denen keine Akten vorlagen, musste auf die vorgenannten Karteikarten sowie weitere Unterlagen, so bspw. die Verfilmten Auskunftsberichte F 217 zurückgegriffen werden.

 

Durch die Akten und Karteien konnten zahlreiche Details zu den bereits bekannten KW und KO herausgefunden werden. Dazu gehörten in erster Linie wie die KW / das KO gefunden und eingerichtet wurde bzw. der KW-Inhaber als IMK angeworben wurde. Aber auch besondere Vorfälle bei der Nutzung oder Zweck ergaben sich nur aus diesen Unterlagen. Alle diese Daten wurden strukturiert in die Datenbank eingegeben und für die Objekte auch jeweils ein erläuternder Beschreibungstext verfasst.

 

Schnell wurde aber auch klar, dass es nicht bei den 450 Objekten bleiben würde, die Zahl bisher unbekannt gewesener konspirativer Wohnungen stieg stetig. Der Grund lag in den Quellen, die bisher als Basis für die Anzahl der Objekte gedient hatten, denn darin waren überwiegend nur die unpersönlichen KW und KO aufgelistet. Die sogenannten IMK/KW, also in der Regel Treffzimmer, die sich in Privatwohnungen befanden, waren bisher unbekannt. Auch diese Objekte wurden mit allen relevanten Angaben in die Datenbank aufgenommen.

 

Nach anderthalb Jahren Bearbeitungszeit zeigt sich mit Stand 3. Dezember 2019, dass allein in der Stadt Leipzig zum Zeitpunkt der Auflösung des MfS im Dezember 1989 insgesamt 1.062 aktive Konspirative Wohnungen (KW) und Objekte (KO) anhand überlieferter Akten des MfS nachgewiesen sind. Davon handelte es sich bei 698 um private Wohnungen von Leipziger Bürgern, in denen diese als IMK/KW in der Regel ein Zimmer an die Stasi „untervermietet“ hatten.

 

Die quantitative und qualitative Beschreibung der Konspirativen Wohnungen verdeutlicht im besonderen Maße die Durchdringung der Gesellschaft durch die Staatssicherheit, sie versinnbildlicht die flächendeckende Überwachungs- und Unterdrückungstätigkeit. In den KW findet sich der Berührungspunkt zwischen den offiziellen hauptamtlichen Stasi-Offizieren (Führungsoffiziere) auf der einen, und den Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) auf der anderen Seite. Mithilfe der grafischen Darstellung in einer Karte kann nun dieses engmaschige Netz aus Stützpunkten des MfS für jedermann visualisiert und nachvollzogen werden.

 

Die Projektergebnisse bieten aber auch eine Vielzahl weiterer Forschungsansätze wie bspw. statistische Erhebungen: Welche Diensteinheiten des MfS unterhielt die meisten KW, und warum? Welche Rolle spielt Leipzig als wichtige Messestadt der DDR in der konspirativen Arbeit? Wo findet sich die höchste Konzentration von KW, und warum?

 

Aber auch die Recherche nach weiteren bisher unbekannten Objekten aus dem Stadtgebiet von Leipzig gehört dazu, denn es gibt noch eine Reihe von bisher nicht abschließend geklärten Hinweisen auf konspirative Wohnungen und Objekte, so bspw. aus dem Bereich der Auslandsspionage (Abt. XV). Aber auch Objekte die andere Bezirksverwaltungen und Hauptabteilungen des Berliner Ministeriums in der damaligen Messestadt der DDR unterhielten müssen noch recherchiert werden

 

Das Projekt ermöglicht die Beschäftigung mit der Thematik sowohl für den interessierten Laien, als auch den Fachwissenschaftler von einer ganz neuen Seite und zeigt das wirklich flächendeckende Wirken der Staatssicherheit.

 

(Stand: 3. Dezember 2019, 1.062 Objekte im Stadtgebiet von Leipzig zum Zeitpunkt Ende 1989)

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Feldbeschreibungen

Darstellung in der Karte: Welche Informationen sind in den Feldern enthalten?

 

Auf der Karte ist eine aktuelle Ansicht der Stadt Leipzig dargestellt. Die konspirativen Wohnungen und Objekte des MfS sind als einzelne Punkte unter den jeweiligen Anschriften markiert, an denen sie mithilfe des überlieferten Aktenmaterials verortet werden konnten. Zu jedem Objekt existiert ein Überblicksfenster. Im Folgenden sind die einzelnen Felder des Überblicksfensters detailliert beschrieben:

 

Adresse: Bezüglich der Adresse zeigte sich im Laufe der Bearbeitung des Projektes, wie stark sich seit 1990 das Straßenbild Leipzigs geändert hat: Das bezieht sich besonders auf Straßenumbenennungen und teilweise Änderungen in der Hausnummerierung. Da die Objekte in der Karte unter ihrer Anschrift von 1989 markiert sind, wurde, falls es zu einer Umbenennung kam, die heutige Anschrift beigefügt. Hinzu kommt, dass einige Gebäude, in denen sich konspirative Objekte befanden, inzwischen nicht mehr existieren. In diesen Fällen erfolgte eine möglichst genaue Verortung mithilfe von Lagebeschreibungen aus dem Aktenmaterial, aber auch anhand alter Stadtpläne, Anwohnerbefragungen und intensiver Internetrecherche.

 

Deckname: Decknamen wurden vergeben, um die Geheimhaltung sicherzustellen, ohne dass der „Klarname“ des IM oder der KW genannt wurde. Das traf besonders bei Verbindungsaufnahmen über Post oder Telefonanrufe zu. Außerdem wurden Quittungen mit dem gewählten Pseudonym unterzeichnet. Bei IMK/KW (also KW in Privatwohnungen), wurden die Inhaber durch den MfS-Mitarbeiter aufgefordert, sich selber einen Decknamen zu geben, wobei er ihnen meist einen vorschlug. Ansonsten entschied der zuständige MfS-Mitarbeiter selber über einen Decknamen, der intern für den jeweiligen Vorgang Verwendung fand.

 

Eingerichtet: Im Feld „Eingerichtet“ findet sich das Datum, ab wann unter der Anschrift eine KW des MfS bestand. Häufig war eine konkrete zeitliche Einordnung problemlos möglich, in einigen Fällen konnte hingegen nur das Jahr ermittelt werden. Selbst das ist, besonders was die Objekte in der Leipziger Innenstadt angeht, nicht immer eindeutig zu klären, da manche Räume, die zu späteren Zeitpunkten als KW regelmäßig genutzt wurden, bereits in den 1950er Jahren gelegentlich als Aussprachezimmer dienten.

 

Auflösung/Grund: Als Zeitpunkt der Auflösung der KW wird, wenn im überlieferten Aktenmaterial nicht anders vermerkt, der 04.12.1989 als Datum der Besetzung der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig verwendet, da ab diesem Tag die konspirative Arbeit der operativen Mitarbeiter verboten wurde. Dementsprechend findet sich unter dem „Auflösungsgrund“ in den meisten Fällen die Begründung „Auflösung des MfS“.

 

Kategorie: Bei der „Kategorie“ handelt es sich um die Art des konspirativen Objektes: Über 60% der KW in Leipzig befanden sich in Privatwohnungen. Deren Inhaber, in der Regel ein Ehepaar, wurden als Inoffizielle Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration (IMK) durch einen MfS-Mitarbeiter angeworben. Sie erklärten sich damit einverstanden, ein Zimmer ihrer Wohnung dem MfS zur Durchführung „operativer Aufgaben“, meist Treffs mit anderen IM, zur Verfügung zu stellen. Diese Treffs fanden in unterschiedlichen Zeitabständen statt, meist zwei-dreimal monatlich für ein bis zwei Stunden. Die KW-Inhaber hatten dabei die Aufgabe, die „Konspiration der Trefftätigkeit“ zu gewährleisten, aber auch den betreffenden Raum „sauber und ordentlich“ zu halten, in den kalten Monaten zu heizen sowie „einen Imbiß“ zu reichen und damit „eine niveauvolle Treffgestaltung“ zu ermöglichen.

 

Anders als die IMK/KW, finden sich die sogenannten unpersönlichen KW in der Regel im (halb)öffentlichen Raum: Gebäude von Betrieben, staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen, Messehäusern, ehemaligen Gewerberäumen etc. Ausgenommen waren hingegen ausdrücklich Verwaltungsgebäude der SED. Nichtsdestotrotz konnten unpersönliche KW sehr unterschiedlichen Charakter haben: So war beispielsweise die KW „Textil“ in der Gottschedstraße 42 ein ehemaliger Gewerberaum, der vom MfS unter Legende angemietet und ausschließlich durch einen hauptamtlichen IM (HIM) des MfS als Arbeitsraum genutzt wurde. Im Gegensatz dazu handelte es sich bei der KW „Aster“ in der Münzgasse 18 eigentlich um Räume der Volkssolidarität, die von dieser auch regelmäßig belegt waren. Dadurch konnten nur zu bestimmten Zeiten Angehörige des MfS hier verkehren.

 

Unter Konspirative Objekte (KO) fielen einer Richtlinie von 1984 zufolge „Gebäudekomplexe, Gebäude, Gebäudeteile, Bungalow oder bungalowähnliche Gebäude“. Dazu zählten komplette Wohnungen, Einfamilienhäuser sowie Garagen. Mit knapp 60 Stück ist ihre Anzahl in der Stadt Leipzig überschaubar.

 

Funktion: Die wichtigste Funktion der konspirativen Wohnungen war die eines Treffzimmers, von denen im Stadtgebiet von Leipzig im Herbst 1989 mindestens 817 Stück existierten. Des Weiteren handelte es sich in circa 46 Fällen um konspirative Arbeitsräume, in denen meist hauptamtliche IM (HIM) tätig waren. Weitere Funktionen stellten beispielsweise das Übernachtungsquartier, Deckadresse und –telefon, Garagen oder Maskierungs-, Funk- und Beobachtungsstützpunkte dar.

 

Diensteinheit: An dieser Stelle wird die Abteilung oder Kreisdienststelle aufgeführt, für die das Objekt erfasst war. In einigen Fällen lässt sich mithilfe der Funktion der KW auf die entsprechende Diensteinheit schließen: So gehörte das KO „Juwel“ in der Paul-Heyse-Straße 8 als Maskierungswerkstatt zur Abteilung VIII, die für Beobachtung, Ermittlung und Observierung zuständig war, während von der Abteilung III (Funkabwehr) im Dachgeschoss des Interhotel „Merkur“ die KW „Goliath“ errichtet wurde, die als Funkstützpunkt diente.

 

Registriernummer: Bei der Registriernummer handelte es sich um ein dreigliedriges Nummernsystem, mit dem alle sogenannten Registrierten Vorgänge, also Akten zu IM aber auch Operative Vorgänge (OV) oder Untersuchungsvorgänge einheitlich innerhalb des MfS erfasst wurden. (Beispiel: XIII 1543/82). Die römische Zahl stand jeweils für eine der 15 Bezirksverwaltungen des MfS, von der der Aktenvorgang angelegt worden war. Die Zahl „XIII“ stand für die BVfS Leipzig oder die „XV“ für das Ministerium in Berlin. Die zweite Nummer war eine laufende Nummerierung, die zu Beginn jeden Jahres von vorn begann. Für das Jahr des Anlegens stand schließlich die letzte Zahl.

 

Abdecklegende: Die Abdecklegende bildete einen wichtigen Bestandteil der Konspiration der KW. Sie diente dazu, gegenüber außenstehenden Personen die wahre Nutzung zu verschleiern. Im Fall der IMK/KW war die Abdecklegende einfach gehalten und bezog sich meist auf gesellschaftliche Tätigkeiten der Wohnungsinhaber oder ihre Hobbys (Beispiel: Der Inhaber der IMK/KW „Geyer“ in der August-Bebel-Straße 42 war viele Jahre in der Freiwilligen Feuerwehr tätig gewesen. Dementsprechend erfolgten die Treffs in seiner Wohnung unter der Legende, dass er sich mit Angehörigen der Feuerwehr trifft und Absprachen abhält). Anders verhielt es sich bei größeren und wichtigeren Objekten wie dem schon erwähnten KO „Juwel“: Abgedeckt wurde das Objekt als „VEB Wärmegerätewerk Dresden, Außenstelle Leipzig“. Um diese Legende in jeder Situation glaubhaft vertreten zu können, wurden die Schaufenster mit entsprechendem Werbematerial ausgestattet, außerdem erhielten die MfS-Mitarbeiter, die im KO verkehrten, Betriebsausweise des VEB durch dessen Direktor, der in die Existenz des konspirativen Objektes eingeweiht war.

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Beispielobjekt: Das Konspirative Objekt (KO) „Juwel“

Zur Veranschaulichung der komplexen und verzweigten Aktenlage und Karteiregistraturen wird im Folgenden beispielhaft das Konspirative Objekt (KO) „Juwel“ vorgestellt, dass in der Paul-Heyse Straße 8 lag.

Das KO wurde im Jahr 1982 durch den MfS-Mitarbeiter Mamitzsch, Angehöriger des Referats 3 der Abteilung VIII (zuständig für Beobachtung, Ermittlung und Observation) der BVfS Leipzig eingerichtet. Es handelte sich um im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gelegene Ladenräume einer ehemaligen Fleischverkaufsstelle, die ein Inhaber einer privaten Fußbodenlegerfirma genutzt hatte, der wegen „versuchter Republikflucht“ verurteilt und später in die Bundesrepublik freigekauft worden war. Der Abteilung VIII waren die Räume bei der Wohnungsdurchsuchung während des Ermittlungsverfahrens bekannt geworden. Das Ladengeschäft verfügte über zwei voneinander unabhängige Zugänge und vergitterte Fenster. Es bestand aus fünf Räumen mit einer Gesamtfläche von 91m2

Abb.1 - Grundriss des KO

Um die Zuweisung für die Räume zu erhalten, trat ein MfS-Mitarbeiter unter der Legende, dass der VEB Wärmegerätewerk Dresden einen „Konsultationsstützpunkt für im Bezirk Leipzig tätige Mitarbeiter“ einrichten möchte, an den Rat der Stadt Leipzig, Abteilung Wohn- und Gewerberaumlenkung, heran. Mithilfe eines dort arbeitenden IM konnte die benötigte Zuweisung beschafft werden, am 01. November 1982 wurde der Mietvertrag unterzeichnet.

Um die Legende der Außenstelle des VEB Wärmegerätewerkes Dresden zu gewährleisten, wurden die im KO „Juwel“ tätigen Mitarbeiter mit entsprechenden Betriebsausweisen ausgestattet. Des Weiteren wurde im Eingangsbereich ein entsprechendes Firmenschild angebracht. Der Direktor des VEB war, obwohl er nicht als IM angeworben wurde, in die Existenz des KO eingeweiht und sicherte diese bei eventuellen Nachfragen zur „Außenstelle“ ab. Durch ihn wurde zudem Werbematerial beschafft, um somit auch innerhalb des KO die Abdecklegende glaubwürdig vermitteln zu können.

Nach der Einrichtung des KO „Juwel“ wurde eine entsprechender Vorgang unter der Registriernummer XIII 1543/82 in der Archiv- und Auskunftsabteilung (Abteilung XII) der BVfS Leipzig erfasst und eine Akte angelegt.

Abb.2 - Aktendeckel

In den Karteien wurden nun zu diesem Vorgang entsprechende Karten eingelegt. Eine Karteikarte F 16 gibt es bei diesem Vorgang nicht, da es sich um ein sogenanntes „unpersönliches“ KO handelt, also kein spezieller IM angeworben wurde, sondern der hauptamtliche Stasi-Offizier es abdeckte.

Die Vorgangskartei F 22 ist nach der Registriernummer sortiert und enthält alle Angaben von der Vorgangsart über den Decknamen bis hin zur zuständigen Diensteinheit des MfS und den Stasi-Mitarbeiter. Diese Angaben wurden bei Veränderungen immer aktualisiert und am Ende die Archivnummer, unter der die Akte im Archiv lag, aufgetragen.

Abb.3 - Vorgangskarteikarte F22

Eine weitere Kartei, die vor allem statistischen Auswertungen diente war die Decknamenkartei F 77, die wie schon der Name sagt, nach den Decknamen der Vorgänge sortiert war und ebenfalls die grundsätzlichen Angaben zum Vorgang enthielt.

Abb.4 - Decknamenkarteikarte F77

In der Operativen Straßenkartei F 78 waren neben den grundsätzlichen Angaben zum Vorgang zusätzlich die Adresse und die Lage der Konspirativen Wohnung bzw. des Konspirativen Objektes enthalten. Diese Kartei ist nach den Anschriften sortiert.

Abb.5 - Straßenkarteikarte F78

Außerdem gibt es zu den IM-Vorgängen eine sogenannte IM-Vorauswahlkartei (IM-VAK). Dabei handelt es sich um eine Kerblochkarte im Format A4, die neben Angaben zum Vorgang vor allem auch die Adresse und Hinweise auf die „Abdecklegende“ enthält.

Abb.6 - Karteikarte der IM Vorauswahlkartei (IM-VAK)

Da es sich beim KO „Juwel“ um ein Objekt handelt, gibt es auch eine Karte in der Kartei der Objekte und Liegenschaften („Obligo“) F 80. Diese Karteikarte enthält sehr detaillierte Angaben zur Art und Weise des Objektes, zu den Eigentumsverhältnissen, der Lage und der Größe, aber auch zu Nutzungsmöglichkeiten und bisherigen finanziellen Aufwendungen.

Abb.7 - Vorderseite der Objektkarteikarte F80
Abb.8 - Rückseite der Objektkarteikarte F80

Aus der Akte geht hervor, dass das KO „Juwel“ zur Ausbildung und Schulung von Mitarbeitern der Abteilung VIII in „operativer Personenmaskierung“ (OPM) genutzt wurde. Außerdem diente es als Arbeitsunterkunft des hauptamtlichen Ermittler-IM (HIM) „Albert“ und als Maskierungsstützpunkt für die Mitarbeiter des Referats 3 der Abteilung VIII der BVfS Leipzig. Ein wichtiges Dokument in der Akte war der sogenannte „Beschluss“ in dem alle Schritte vom Anlegen des Vorgangs über die Umregiustrierung bis zur Archivierung genau festgehalten wurden

Abb.9 - Beschluss

In dieser recht umfangreichen Akte ist auch eine Fotodokumentation enthalten, die das KO „Juwel“ sowohl von Innen als auch von Außen zeigt.

Abb.10-1 - Arbeitsraum
Abb.10-2 - Gebäude Rückansicht
Abb.10-3 - Gebäude Vorderansicht
Abb.10-4 - Eingangstür mit Firmenschild
Abb.10-5 - Küche

Im Zuge der Auflösung des MfS suchte die Operativgruppe des Bürgerkomitees, bestehend aus zwei Vertretern des Bürgerkomitees und einem Angehörigen der Volkspolizei, das ehemalige KO „Juwel“ am 5. Februar 1990 auf. Das Ziel bestand in der „Sicherung des Tresorinhalts“ und „Beweismaterial sicherzustellen, aus dem hervorgeht, das das Objekt Paul-Heyse-Str 8 dem MfS unterstellt war“. Tatsächlich fand man in dem Tresor unter anderen ein „Arbeitsplan für den „verkürzten Grundlehrgang OPM“. Im Kopf des Schreibens stand „BV für Staatssicherheit“, was eindeutig belegte, daß das Objekt vom MfS genutzt wurde. In diesem Arbeitsplan wird der Weg erläutert, welchen das MfS verfolgte, um aus Lehrgangsteilnehmern Maskierungskräfte auszubilden“. Aufgaben dieser Kräfte waren unter anderen „Aufklärung von Personen und Objekten“, „Beobachtung bestimmter Personen“ und „Konspirierung von Mitarbeitern zur Durchführung operativer Maßnahmen“ hieß es in dem Protokoll des Bürgerkomitees.

Abb.11-1 - Begehungsprotokoll 1
Abb.11-2 - Begehungsprotokoll 2
Abb.11-3 - Begehungsprotokoll 3

Bei der Begehung des KO „Juwel“ im Februar 1990 konnte das Bürgerkomitee auch eine menge originale Arbeiotsgegenstände aus dem bereich der operativen Personennmaskierung sicherstellen, die sich heute in der musealen Sammlung der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ befinden. Eine Auswahl ist in der Dauerausstellung „Stasi-Macht und Banalität“ zu besichtigen. [Link zu der entsprechenden Objektauswahl in der Sammlung-Online-Datenbank]

Das KO „Juwel“ steht beispielshaft für die mehr als eintausend weiteren konspirativen Wohnungen und Objekte, die zum Herbst 1989 noch in der Stadt Leipzig existierten. Als Maskierungswerkstatt handelte es sich zwar um ein außergewöhnliches Objekt, bezüglich der Aktenführung, Registrierung etc. unterscheidete es sich jedoch kaum von anderen KW und KO.

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